Katerliebe: Oskar, sehr vermisst

Bereits vor einem Jahr war unser Kater Oskar zwei Tage verschwunden. Diese Zeit war schrecklich, aber Oskar tauchte wieder auf.

Nun, 11 Monate später, kam er wieder abends nicht nach Hause. Leider ging diese Geschichte nicht gut aus, er wurde von einem Auto angefahren.

Über diese Tage habe ich tagebuchartig aufgeschrieben, was passiert ist und wie es mir und uns ging. Vorsicht, Taschentuchalarm.

Oskar
Oskar

Tag Null

Abends fährt der Mann noch mal kurz weg, und Oskar läuft mit hinaus. Nichts ungewöhnliches, denn unsere beiden Katzen laufen öfter abends noch durch die Gegend. Alles wie immer.

Als wir ins Bett gehen wollen, ist allerdings nur Kater Mango wieder da und hat es sich schon auf dem Sofa genütlich gemacht. Wir laufen noch einmal durch den Garten und zur Straße und rufen Oskar, der darauf eigentlich sehr gut hört. Keine Reaktion.

Wir beschließen, ins Bett zu gehen. Nach der Erfahrung des letzten Jahres passiert es ja mal, dass es später wird. Ich schlafe trotzdem sehr schlecht und schrecke bei jedem Geräusch auf. Ist es Oskar, der an der Terassentür kratzt, um hereingelassen zu werden?

Oskar und Mango
Oskar und Mango

Tag eins

Um halb fünf gebe ich auf. Ich döse noch etwas im Wohnzimmer mit Kater Mango im Arm. Gerädert und mit fiesen Augenringen versuche ich mich am Morgen mit Kaffee wachzuhalten. Eigentlich wollte ich von zuhause aus arbeiten, aber daran ist gar nicht zu denken. Ich laufe an der Hauptstraße entlang – vielleicht liegt Oskar irgendwo an der Straße oder im Gebüsch? Doch sowohl Suchen als auch Rufen bringen kein Ergebnis.

Meine größten Ängste gleichen denen vom letzten Jahr: Dass Oskar angefahren wurde und verletzt – oder gar tot – ist. Sich irgendwohin geflüchtet ist, und ich an ihm vorbeilaufe, weil ich ihn nicht finde. Oder er unabsichtlich irgendwo eingesperrt worden ist.

Der Tag zieht sich endlos hin. Immer wieder der Blick zur Tür, aber kein Kater sitzt mit bittendem Blick davor, um hereingelassen zu werden.

Oskar bei der Arbeit
Oskar bei der „Arbeit“

Ich mache mehrere Fahrradtouren durch die Siedlung und an der Straße entlang. Nichts. Das Problem – oder das eigentlich Schöne für Katzen – ist die Weitläufigkeit und die Natur. Zwar leben wir in einer Siedlung, dahinter erstrecken sich aber Felder und Wälder, Kleingärten und Pferdekoppeln. Eine zu Stoßzeiten viel befahrene Straße allerdings ist eher katzenunfreundlich und war, seit ich hier wohne, mein Horror.

Abends beschließe ich, ein Suchplakat zu entwerfen. Da es am Wochenende zumindest teilweise schön war, hat sich Oskar vielleicht in einem offen stehenden Gartenhaus oder in einer Garage versteckt. Ich will die Ausdrucke bei den Nachbarn verteilen.

Später rufe ich bei der örtlichen Polizeistelle an. Eine angefahrene Katze wurde dort nicht gemeldet. Sie nehmen die Vermisstenmeldung und meine Telefonnummer auf.

Als der Mann nach Hause kommt, laufen wir noch rufend und suchend durch die Kleingartensiedlung auf der anderen Straßenseite. Große Grundstücke, viele Gartenhäuser, dahinter Felder, Knicks, Pferdekoppeln. Endlose Weite.

Kurz vor Mitternacht gehe ich noch einmal raus. Rufe nach Oskar, stehe an der großen Straße. Es ist ganz still hier, kein Verkehr mehr, kein Laut zu hören. Eigentlich bin ich mir sicher: Wenn Oskar mich hören würde, käme er. Oder würde zumindest antworten. Doch: nichts ist zu hören.

Ich gehe gerädert zu Bett und beginne zu weinen. Die ganze Anspannung muss raus. Hoffe, dass diese Nacht das ersehnte Scharren an der Tür zu hören ist.

Oskar gesucht und vermisst
Oskar – gesucht und vermisst

Tag zwei

Enttäuscht wache ich auf: Kein Kater. Früh stehe ich auf, trotzdem bin ich motiviert. Ich melde Oskar bei Tasso, wo er registriert ist, als vermisst. Gleichzeitig stelle ich bei Ebay Kleinanzeigen eine Meldung ein und teile es in den sozialen Netzwerken.

Bei der Gemeinde frage ich nach und leite die Suchmeldung weiter. Der freundliche Herr verspricht, die Kollegen vom Bauamt zu informieren, die auch durch die Straßen fahren und manchmal tote Tiere finden. Auch soll ein Suchplakat im Rathaus aufgehängt werden.

Der Mann hat das gestern gestaltete Suchplakat vervielfältigt. Ich laufe bei strömendem Regen durch die Nachbarschaft und werfe Zettel in die Briefkästen.

Später trifft per E-Mail das offizielle Suchplakat von Tasso ein. Ich drucke ein paar aus und hänge sie an unserer Kreuzung auf. Später kann ich vom Haus auf beobachten, dass Menschen stehen bleiben und das Plakat lesen.

Auch die Tierärztin vor Ort besuche ich und darf ein Plakat aufhängen. Sie zeigt ihre Betroffenheit, hat aber zum Glück auch selber nichts gehört.

Oskar und Mango
Oskar und Mango

Die Reaktionen in den sozialen Netzwerken sind toll: Viele teilen meine Suchmeldung und nehmen Anteil. Ich freue mich darüber, auch wenn es den Kater natürlich nicht wiederbringt. Aber ein bisschen tröstet es, wenn andere berichten, wie ihre Katze nach fünf Tagen wieder vor der Tür stand.

Der Mann druckt einen weiteren Schwung Suchplakate aus. Nachmittags verlässt mich etwas der Mut. Was, wenn nun doch etwas passiert ist? Die Ungewissheit zehrt.

Unser zweiter Kater schaut mich immer wieder fragend an und gurrt. Er scheint seinen Kumpel zu vermissen. Draußen entfernt er sich kaum vom Haus und scheint mir anhänglicher zu sein.

Ein Anruf beim Tierheim in der Nähe. Kein schwarzer Kater wurde abgegeben. Sie notieren sein Aussehen, Chipnummer und meine Telefonnummer. Die Dame erzählt, dass im Moment viele Katzen vermisst werden. Wahrscheinlich sei der Sommer Schuld, meint sie. Die Tiere sind dann abenteuerlustig und bleiben länger draußen. Ich hoffe, das trifft auch auf Oskar zu.

Vielleicht wurde Oskar ja aus Versehen von einem Lieferwagen mitgenommen? Dann bräuchte er sicher ein paar Tage, um wieder nach Hause zu finden. Ich hoffe auf die Rückkehr in der Nacht.

Tag drei

Beim Frühstück ein Anruf von Tasso: Eine Anwohnerin in der Straße hat unser Suchplakat gesehen. Ihre kleine Tochter beobachtete am Sonntag abend einen Unfall mit einer Katze. Sie lief nach Hause, um Bescheid zu sagen. Kurz darauf war die Katze allerdings von der Straße verschwunden.

Ich rufe die angegebene Nummer an, erreiche aber nur den Anrufbeantworter. Auch ein persönlicher Besuch ergibt: Es ist niemand zu Hause.

Der Mann und ich schlagen uns noch mal ins Gebüsch an der Hauptstraße. Ohne die genaue Unfallstelle zu kennen und ohne zu wissen, ob es sich wirklich um Oskar handelte, ist die Suche aber schwierig. Außerdem ist alles voller Dickicht, Brombeerranken und Brennnesseln. Keine Chance, dort einen schwarzen Kater zu finden.

Enttäuscht kehren wir nach Hause zurück und warten ab, dass die Nachbarin sich wieder meldet. Anders kommen wir nicht weiter.

Oskar macht ein Selfie
Oskar macht ein Selfie

Der Mann nimmt sich frei und sagt einen beruflichen Termin ab. Zu sehr ist auch er in Gedanken bei Oskar. Eigentlich wollten wir uns heute, da der Termin sich mit einem Ausflug hätte verbinden lassen, einen schönen Tag machen. Daraus wird nix.

Als die Nachbarin sich meldet, stellt sich heraus, dass die Tochter durchaus erwachsen ist – ein Missverständnis. Sie hat am Sonntag Abend beobachtet, dass eine schwarze Katze von einem Auto angefahren wurde. Das Auto hielt nicht an, und die junge Frau schaute nach, ob die Katze ein Halsband umhatte (was nicht der Fall war). Die Katze schien tot zu sein, wurde wohl am Kopf vom Auto getroffen. Als die junge Frau kurze Zeit später zum Unfallort zurückkehrte, war die Katze allerdings verschwunden.

Die Mutter weiß nicht genau, wo die Tochter ihre Beobachtung gemacht hat, zudem ist die Tochter inzwischen verreist. Wir laufen noch einmal ein Straßenstück ab, ich verteile weitere Suchplakate in der Nachbarschaft. Aber ich gebe zu: Meine Hoffnung, dass es sich doch nicht um Oskar handeln würde, sinkt. Selbst wenn er es war und sich aus eigener Kraft von der Straße schleppen konnte: Wo ist er nun? Die Stelle liegt keine 100 Meter von unserem Haus entfernt. Und wenn ihn jemand mitgenommen hat: Warum meldet er sich nicht? Oskar ist gechipt, jeder Tierarzt hätte ihn somit identifizieren können.

Gegen 18 Uhr meldet sich die Nachbarin noch einmal. Sie hatte inzwischen Kontakt mit der Tochter, und wie sich herausstellt, liegt die Unfallstelle doch einige Meter in die andere Richtung. Ich ziehe noch einmal los, suchte ein Feld ab und finde Oskar letztlich auf dem Rückweg im Gebüsch einige Meter von der Straße entfernt. Von der anderen Seite hatten wir am Morgen noch gesucht, 10 Meter davor hatten wir aufgegeben. Außerdem war ich schon öfter an ihm vorbei gefahren.

Trotzdem ist schnell klar: Der Kater ist eindeutig tot. Sowohl die, nun ja, natürlichen Umstände nach einem Tod als auch seine Liegeposition lassen darauf schließen, dass er sofort bei dem Zusammenprall mit dem Auto gestorben sein muss. Ich vermute, jemand hat ihn von der Straße aufgehoben und ins Gebüsch gelegt. Vielen Dank dafür, lieber Unbekannter. So wurde er nicht auch noch überfahren.

Ob es nun wirklich Oskar ist, kann ich nicht absolut wissen. Ich habe kein Lesegerät für Katzenchips. Die Tierärztin ist um diese Zeit nicht erreichbar. Aber alle Umstände sprechen dafür, dass es sich um Oskar handelt: die Unfallzeitpunkt, der Ort und das Erscheinungsbild. Auch, wenn drei Tage nach dem Unfall nicht mehr alles wie Oskar aussieht, und er auch als absolut schwarzer Kater keine ganz eindeutigen Erkennungsmuster hatte.

Ich rufe zuhause an, und der Mann kommt zusammen mit Kind 2 zum Fundort. Wir beerdigen ihn schließlich dort vor Ort: Zum einen, weil man ihn nicht mehr wirklich transportieren kann, zum anderen liegt der Ort an einer Lärmschutzwand am Rand eines Feldes unter einem Baum. Idyllisch genug, und dort wird sicher in den nächsten Jahren nichts gebaut. Wir weinen alle und halten uns in Armen, bevor wir nach Hause zurückkehren.

Oskar - ein letzter Gruß
Oskar – ein letzter Gruß

Jeder hängt in Gedanken Oskar nach, immer wieder fließen Tränen. Viele tolle Erlebnissen mit ihm fallen uns ein, die wir uns zwischendurch immer wieder erzählen. Seine lustige, elegante und vornehme, aber auch zurückhaltende oder manchmal auch eindringliche Art. Ich werde noch eine besondere Seite mit meinen und unseren Erlebnissen dazu anlegen.

Wir sind alle sehr traurig. Mich hat Oskar zehn Jahre begleitet, sein ganzes Leben. Die letzten drei davon lebte er auch mit der restlichen Familie zusammen und war erstmals Freigänger. Das genoss er sehr, er fühlte sich – wie Kater Mango auch – im Garten und der Natur super wohl und entwickelte sich zum Meisterjäger. Aber er lag auch entspannt im Garten herum und döste. Weitere Wohnungshaltung hätte ihn nicht davor bewahrt, eines Tages zu sterben. Vielleicht nicht auf diese Weise, aber auch meine erste Katze Flocke musste ich mit nur sieben Jahren gehen lassen. Sie war lange krank gewesen und nie Freigängerin gewesen.

Ich bin mir sicher: Flocke und Oskar toben jetzt wieder gemeinsam durch den Katzenhimmel. Sie beobachten uns und setzen sich zu uns, als Katzengeist. Oskar wird immer einen Platz in unseren Herzen haben. Wie Flocke auch.

Oskar - ein letzter Gruß
Oskar – ein letzter Gruß von Kind 2

Tag vier

Morgens um halb sechs eine neue telefonische Nachricht von Tasso: Eine weitere Anwohnerin hat eine (lebende) schwarze Katze gesichtet. Kurz darauf klingt sie an der Tür und beschreibt ihre Beobachtung. Ich erkläre ihr, was gestern geschehen ist und danke ihr für die Nachricht.

Nach etwas mehr Schlaf frühstücken der Mann und ich gemeinsam. Ich muss wieder weinen, immer neue Erinnerungen kommen hoch. Alles erscheint noch so nah: Käme Oskar plötzlich wieder um die Ecke und würde zur Terassentür trappeln, würden wir uns nicht wundern. Ich sehe seine großen blaugrünen Augen noch so vor mir, wie er bittend um Einlass an der Tür sitzt.

Heute muss ich all die Suchplakate wieder abnehmen. Tasso weiß Bescheid. Schrecklich, ein Tier als verstorben zu melden. Auch, wenn wir keine 100%-Sicherheit haben. Sollte Oskar plötzlich doch vor der Tür stehen, wäre das ein Wunder. Aber ich gehe nicht davon aus.

Ruhe in Frieden, mein toller, schwarzer Kater.

Oskar
Oskar an seinem Fressplatz

 Tag sieben

Eine Woche ist Oskar heute abend nicht mehr bei uns. Gegen 21 Uhr, der Zeit, als er angefahren worden sein soll, kamen plötzlich wieder die Gedanken und die Trauer hoch. Es herrscht wirklich wahnsinnig wenig Verkehr um diese Uhrzeit auf der Straße. Warum lief er bloß genau vor bzw. an *das* Auto?! Ob ihn etwas erschreckt hat? Er hinter etwas hergejagt hat?

Gestern hatte ich einen echten Tiefpunkt. Ständig kamen wieder die Tränen hoch und die Trauer stürzte heraus. Ich schrieb dann all meine Erinnerungen an ihn auf. Das hat geholfen und hilft mir, mein Bild von ihm zu bewahren. Heute geht es dann auch etwas besser. Trotzdem: Vorbei ist das nicht. Aber das ist wohl klar…

 

 

 

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3 thoughts on “Katerliebe: Oskar, sehr vermisst

  1. Liebe Inga,

    ich heule Rotz und Wasser und habe nicht die richtigen Worte. Weil es eben auch keine Worte gibt, die Oskar wiederbringen. Das Einzige, was mir einfällt, ist ein Buch, das ich vor wenigen Tagen gelesen habe. „Gespräche mit meiner Katze“ heißt es. Und im Wesentlichen gibt eine Katze darin einer Frau ein paar sehr kluge Tipps dafür, ihr Leben mehr nach Katzenart zu sehen und zu leben. Katzen leben im jetzt und hier. Sie genießen den Augenblick. So eine der Botschaften, von der wir uns wohl alle immer mal wieder ein Stückchen abschneiden können. Die Katze im Buch vertrat aber auch ganz fest die Ansicht, dass wir zwar sterben, aber nie vergehen, uns statt dessen nur verändern. Demzufolge hat Oskar nicht nur jeden Tag seines Lebens gelebt, wie es sich für einen tollen Kater gehört. Mutig, unerschrocken, ganz im hier und jetzt. Und vor allem ist er nicht weg. Er ist natürlich noch da. Wie und wo auch immer. Ein bisschen tröstlich finde ich den Gedanken schon. Und euch wünsche ich viel Kraft für die nächsten Tage und Wochen, bis es ein bisschen leichter wird. Fühlt euch virtuell von mir gedrückt.
    Ganz liebe Grüße

    Nicole

    1. Liebe Nicole,
      ich habe zu deinem Kommentar auch gleich noch mal mitgeheult. Vielen Dank für deine Worte – auch wenn man selber sprachlos ist, hilft es doch trotzdem!
      Und ich bin auch ganz sicher: Oskar sitzt irgendwo auf der Fensterbank bei uns und ist da. Im Geiste, im Herzen.
      Lg Inga